20.07.2018, Freiburg
Der Obstkorb allein reicht nicht

Hier mal einen Obstkorb, da ein Rückentraining, dort eine Laufgruppe – Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) soll Arbeitskräfte fitter machen. Doch ohne ein ganzheitliches Konzept verkommt es zum Tropfen auf den heißen Stein, wie Experten bemängeln.

Neue Ansätze, Technologien und Analysemethoden sollen es den Unternehmen ermöglichen, die Wirkung ihrer gesundheitsfördernden Aktivitäten besser messbar zu machen.

Was wird getan?
„Es ist wichtig, dass die Angebote nicht von oben herab festgelegt werden. Die Mitarbeiter sollen selbst mitbestimmen dürfen“, sagt Roland Wiesler, Personalleiter des Waldkircher Verpackungsherstellers August Faller. Wiesler hat das Thema Betriebliches Gesundheitsmanagement vor einem Jahr in dem Unternehmen, das vier Standorte in Südbaden hat, neu aufgerollt. „Wir hatten bereits zuvor viele Einzelmaßnahmen im Bereich BGM, aber die waren an den verschiedenen Standorten nicht bekannt, und auch nicht alle wurden angenommen.“ Gemeinsam mit dem Bildungswerk der Baden-Württembergischen Wirtschaft stellte Wiesler deshalb ein neues Konzept auf, um das Gesundheitsmanagement zu strukturieren und in die Unternehmenskultur aufzunehmen.

Laut Christiane Drägert, die das Geschäftsfeld Organisationsentwicklung des Bildungswerks leitet, nehmen immer mehr Unternehmen Beratungen zum Thema BGM in Anspruch. Allein 25 begleitete das Bildungswerk in den vergangenen Monaten bei der Neustrukturierung hin zu einem systematischen und ganzheitlichen Gesundheitskonzept.

Bei einem ganzheitlichen Konzept werde das Unternehmen selbst zum Patienten, sagt der Soziologe Bernhard Badura, der seit Jahren zum Thema Betriebliches Gesundheitsmanagement forscht. „Die Organisation muss sich zum Beispiel fragen, inwieweit Führungsverhalten, Organisationskultur, Werte und Sozialverhalten die Gesundheit der Arbeitnehmer beeinflussen.“ Die Verantwortung des Betriebs gegenüber den Arbeitnehmern müsse thematisiert werden. „Es geht darum, dass die Angestellten eine emotionale Bindung zum Unternehmen haben.“

In der August Faller GmbH gehören zum BGM neben Schonarbeitsplätzen und Mitarbeitergruppen, die für ihre Kollegen passende Gesundheitsangebote erstellen, auch das Etablieren einer Vertrauens- und Feedbackkultur und einer Personalentwicklung, die die Lebensphasen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter berücksichtigt.

Wie wird der Nutzen gemessen?

Hohe Fehlzeiten sind laut Badura immer noch einer der häufigsten Gründe, warum Unternehmen sich über das Betriebliche Gesundheitsmanagement informierten. „Die Fehlzeit lässt sich sehr einfach ermitteln, die Frage nach dem Warum ist allerdings nicht so leicht zu beantworten. Zu behaupten, dass Menschen nur dann fehlen, wenn sie krank sind, ist falsch.“ Aspekte wie Motivation oder familiäre Verpflichtungen spielten ebenfalls eine Rolle – auch Präsentismus, also die Bereitschaft, trotz Krankheit zu arbeiten.

„Die Forschung hat mittlerweile Instrumente entwickelt, mit denen wir eine Organisationsdiagnose erstellen können“, sagt Badura. Mit Hilfe von Fragebögen, Einzelgesprächen und Experteninterviews werden die Firmen analysiert. Dabei arbeiten Badura und seine Kollegen mit dem Ampelprinzip. Sie stellen Fragen nach der Qualität der Führung, der zwischenmenschlichen Beziehungen, der Unternehmenskultur und der Arbeitsbelastung. Ist einer der Bereiche nicht im grünen Bereich, werden konkrete Vorgehensweisen vorgeschlagen. „Gibt es zum Beispiel Kritik an der Unternehmenskultur, schlagen wir einem Unternehmen vor, mehr Transparenz und Beteiligung zu ermöglichen“, sagt Badura.

Roland Wiesler begründet die Legitimation des Betrieblichen Gesundheitsmanagements mit einer Steigerung der Effizienz im Unternehmen. „Diese ganzen Maßnahmen haben sicherlich keinen kurzfristigen Einfluss. Was aber einen mittel- bis langfristigen Einfluss hat, ist die Mitarbeiterzufriedenheit und die Gesundheits-, sprich die Fehlzeitenquote.“ Um die Zufriedenheit der Belegschaft feststellen zu können, gibt es neben dem klassischen Betriebsrat sogenannte Sounding Boards, also Mitarbeiterbefragungen. „Die Mitarbeiter geben uns ehrliche Rückmeldungen und sie vertrauen darauf, dass wir aus ihren Antworten Maßnahmen ableiten“, sagt Wiesler.
Dazu zählten kleine Entlastungen, wie die Anschaffung von Gummimatten, die die körperliche Arbeit in der Produktion rückenfreundlicher machen sollen. Manche Mitarbeiter wünschten sich aber auch andere Arbeitszeiten im Schichtbetrieb. „Das ist natürlich ein Thema, das nicht von heute auf morgen gelöst wird. Aber es wird bearbeitet, und die Mitarbeiter erfahren über Aushänge, auf welcher Ebene gerade daran gearbeitet wird.“

Wie geht es weiter?
Mit dem ganzheitlichen Konzept ist das Thema Betriebliches Gesundheitsmanagement noch nicht zu Ende gedacht. Die Forschung und einige Unternehmen beschäftigen sich zunehmend damit, wie ein „Betriebliches Gesundheitsmanagement 4.0“ aussehen könnte. Das können Programme sein, die die Stimme des Mitarbeiters während eines Telefonats auswerten, um festzustellen, ob sich beispielsweise eine Kehlkopfentzündung oder eine Grippe anbahnt. Oder Armbänder, die jede Bewegung des Fabrikarbeiters aufzeichnen, um ihm mitteilen zu können, wann er eine falsche Bückbewegung gemacht hat.

Laut David Matusiewicz, Direktor des Instituts für Gesundheit und Soziales des Hochschulzentrums Essen, gibt es bereits entsprechende Forschungsprojekte zum digitalen Betrieblichen Gesundheitsmanagement. „Natürlich können solche Daten nur mit dem Einverständnis der Mitarbeiter erhoben werden – und auch nur innerhalb einer zuvor festgelegten Zeit“, sagt er. Und worin liegt der Vorteil der Datenerhebung? „Die Auswertung von Daten ist objektiver als eine Mitarbeiterbefragung.“ Matusiewicz sieht in den digitalen Entwicklungen ein großes Potential für Unternehmen. „Allerdings gibt es noch wenig Erfahrungswerte, deshalb scheuen die Unternehmen wahrscheinlich auch die Umsetzung.“

Quelle: Badische Zeitung